Arbeit ist mehr als Abarbeiten

Arbeit ist mehr als Abarbeiten

Mein Job…?

#1 Dient der Finanzierung meines Lebensstandards.

#2 Ist eine Gewohnheit, der ich 50% meiner Lebenszeit widme, er ist eben da.

#3 Ist ein Wertbeitrag und ich bestimme, wie er aussehen soll.

Finde einen Job und ein Unternehmen das zu dir passt. Musst es die Arbeit im Startup sein? Ein Interview mit Olivier Schneller für alle, denen Antwort #3 zusagt und für die eine berufliche Veränderung ansteht.

Das Interview

In den beiden Artikeln über selbstbestimmtes Arbeiten und agile Teams sind wir dem Wunsch nach der Arbeit in flachen Hierarchien auf den Grund gegangen. Jetzt treffen wir Olivier Schneller in Hamburg und fragen nach, wie man während der Jobsuche ein Unternehmen erkennen kann, das deine Arbeit als Wertbeitrag ansieht und eigenen Gestaltungsspielraum zulässt. Was bedeutet eigentlich eine starke Unternehmenskultur und warum ist sie so attraktiv?

Olivier ist Coach und Berater für Innovation und New Work. Er steht dafür ein, den Status Quo zu hinterfragen und Neues zu entwickeln. Wir kennen ihn aus der Reihe TED Talks in denen er darüber spricht, dass Arbeit nicht mehr als notwendiges Übel angesehen werden muss.

Warum das so ist, ist in seinem Talk auf Youtube nachzuhören.

 

Irina: Woher weiß ich, dass ich mich in einem Unternehmen bewerbe, dass innovativ und flexibel ist?

Olivier: Ich finde die Frage sehr spannend. Wenn man Bewerbungsgespräche hat dann sind häufig verschiedene Abteilungen involviert. Ich merke manchmal in meinen Gesprächen, dass sie ihre Stories sehr gut auswendig gelernt haben. Von dem, was sie erzählen scheint alles einfach super toll und dynamisch und innovativ. Was mir aufgefallen ist, ist, dass die Aussagen immer gleich sind.

Ein Tipp, um ein gutes Verständnis für die Arbeitsatmosphäre zu bekommen ist, 15 oder 30 Minuten vor dem Gespräch da zu sein und einfach die Mitarbeiter in der Lobby zu beobachten: Wie laufen sie? Haben sie ein Lächeln auf dem Gesicht? Und zum  Feierabend – rennen sie zu Bus, um möglichst schnell wegzukommen? Es muss natürlich nicht immer der Fall sein, dass die Arbeitsatmosphäre nicht stimmt. Aber es sind die kleinen Dinge, die einen Eindruck vermitteln.

Hinterfrage die Antworten im Bewerbungsgespräch

Im Gespräch ist es dann wertvoll, die Aussagen zu hinterfragen. So gut es geht herauszufinden, ob es nur Floskeln sind, die sie von sich geben. Oder ist es tatsächlich so, wie sie es beschreiben? Prüfe ganz konkret, ob das Unternehmen zu dir passen könnte. Überlege dir vor dem Gespräch was dir wichtig ist und bereit deine Fragen vor. Stelle deinem Gegenüber offene Fragen und warte in Ruhe ab, wie er/sie antwortet.

Beispielsweise die Antwort auf deine Frage, ob die Mitarbeiter motiviert sind. Frage dein Gegenüber: „was ist es, dass die Mitarbeiter motiviert?“ Stelle dies als offene Frage. Was dann als Antwort kommt, sollte Substanz haben. „Wir haben ein dynamisches Team“ als Pauschalaussage ist nicht genug. Frage nach, wie die Dynamik entsteht und was genau sie ausmacht? Wie entscheidet sie sich von anderen Team? Was ist das Besondere an der Dynamik in diesem Unternehmen? Nur, wenn sie in die Tiefe gehen, zeigt sich, dass Substanz dahinter steht.

Irina: Ok.Wenn die Interviewpartner also begründen können, warum das Team motiviert oder dynamisch ist, habe ich einen Volltreffer gelandet und sollte mich dort anstellen lassen?

Olivier: Nein, um die Länge der Antwort geht es nicht. Schau dir an, ob es eine stark greifbare Kultur gibt. Keine oberflächliche Kultur, in der man zum Abarbeiten eingestellt wird und in der Mitarbeiter am Abend zum Bus rennen. Eine stark greifbare Kultur wird dafür sorgen, dass die Kollegen, die nicht passen, von alleine gehen. Und dass die Menschen, die passen, angezogen und angestellt werden. Dann hat man einen tollen Vibe, unter Leuten, die zueinander passen. Die motiviert sind und mit denen man sich zu Hause fühlt.

Arbeiten im Startup: Starke Kulturen, guter Vibe und motivierte Teams

Dies findet sich oftmals bei der Arbeit im Startup. Man findet zusammen, weil man eine gemeinsame Vision hat und Lust darauf hat, zusammen etwas aufzuziehen.

Irina: Das heißt, wenn ich in einem jungen Unternehmen arbeite, liege ich richtig?

Olivier: Es kommt darauf an. Wenn Startups erfolgreich sind, geht es nach einer gewissen Reife nur noch um Wachstum, Wachstum, Wachstum. Das ist per se nicht schlecht. Doch werden in kurzer Zeit viele neue Mitarbeiter eingestellt, um einfach die Aufgaben zu stemmen. Doch wenn man nur Mitarbeiter nach der Erledigung von Arbeit einstellt, stehen die Skills im Vordergrund, nicht der Vibe, die Werte und die Kultur. Man merkt nach einiger Zeit, dass die tolle Unternehmenskultur vom Anfang einfach flöten gegangen ist. Man hat nur noch Leute eingestellt, damit sie die Arbeit erledigen können.

Irina: Spannend. Ich könnte mich also als Bewerber im Startup Sektor nach interessanten Unternehmen umschauen und im Gespräch anfragen, wie sie neue Mitarbeiter einstellen?

Olivier: Ja. Und auch zurückfragen, „warum bin ich überhaupt der/die Richtige“? Ist die Antwort: „Weil du 10 Jahre Coding-Erfahrung hast“, dann würde ich mich mit der Antwort nicht zufrieden geben. Denn die Berufserfahrung per se ist austauschbar. Dann geht es nicht um den Menschen.

Effizientes Arbeiten schafft auch Freiraum für Effektivität

Irina: Hast du einen Tipp für Berufstätige mit jahrelanger Konzernerfahrung, die gerne Erfahrung im Startup sammeln möchten? Ist es am Anfang nicht schwierig, sich an die Arbeitskultur zu gewöhnen?

Olivier: Ist es schlimm wenn es schwierig ist?

Was läuft im Konzern häufig anders als bei der Arbeit im Startup? Ein Konzern ist wie eine gut geölte Maschine. Arbeitsprozesse funktionieren. Sie funktionieren in definierten Bahnen. Beim Wechsel aus einem Konzern in ein Startup wirst du merken, dass das was du brauchst, noch gar nicht existiert. Du wirst dich fragen – wo sind die Strukturen? Welches sind die Prozesse? Die Arbeit im Startup ist anders. Man findet keine Prozesse vor und wird beobachten, dass sie sich selbst nach und nach aufbauen. Wenn bestimmte Prozesse gebraucht werden, sorgt man dafür, dass sie geschaffen werden. Das ist für mich ein Mindset-Change.

Warum Konzernerfahrung auch in Startups wichtig ist

Irina: Kann Konzernerfahrung bei der Arbeit im Startup von Vorteil sein?

Olivier: Intuitiv hätte ich vermutet, dass es in dem ganz normalen Chaos in einem Startup hilfreich ist, Mitarbeiter mit Konzernerfahrung zu haben. Solche, mit Prozessverständnis.

Irina: Warum ist dies hilfreich? In welcher Phase der Startup-Entwicklung?

Olivier: Ich denke, es ist in jeder Reifephase wichtig. Heute geht es um Effektivität, also um inhaltliches und innovatives Arbeiten. Was Konzernmitarbeiter mitbringen ist die Ausrichtung an Effizienz. Alles ist Ressourcen-optimiert, nicht unbedingt effektiv, sondern etwas starr. Ich denke aber, für effektives Arbeiten ist es auch wichtig, Effizienz einzubringen. Es gibt Dinge, die einfach abgearbeitet werden müssen, wie z.B. Lohnabrechnungen erstellen usw. Wenn diese Arbeiten effizient abgearbeitet werden, schaffen sie Freiraum für effektives Arbeiten. Sie sind super hilfreich, helfen Energie zu sparen und stärken die Effektivitätspower des Startups.

Irina: Vielen Dank für das Interview!

Bereit für neue Visionen? Lerne Olivier Schneller als Coach und Berater für Innovation und New Work kennen: olivierschneller.com/

Irina hat selbst einen abenteuerlichen Karrierepfad als Beraterin, Bankerin, Gründerin beschritten und in Myanmar, Kenia, Nigeria und Paraguay gearbeitet. Sie hat ihr Studium in BWL und VWL abgeschlossen und lebt zur Zeit in Berlin.
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